Jochen Partsch

Oberbürgermeister der Wissenschaftsstadt Darmstadt

In den Städten werden die Zukunftsprojekte für Gesellschaft und Wirtschaft diskutiert, entworfen und erprobt. In den Städten muss der Kampf gegen den Klimawandel gewonnen werden.

Die Zeiten, in denen Ökologie, Ökonomie und soziale Chancengleichheit als konkurrierende Ziele betrachtet wurden, sind vorbei. Von Nachhaltigkeit in allen relevanten Handlungsfeldern spricht heute jeder und Begriffe wie „green building", „green IT" oder „green technology" sprechen für sich.
Auch in einer zunehmend virtuellen Welt findet Wirtschaft jedoch nicht im virtuellen Raum statt. Sie wird von Menschen gemacht, die in einer realen Stadt leben und arbeiten. Sie haben dort ihr Zuhause, ihre Familien, ihre Freunde und Bekannten. Ich bin davon überzeugt, dass urbane Modernität mit dem Leitbild einer „green / intelligent city" eine neue Dynamik und Realität gewinnt. Die „green / intelligent city Darmstadt" ist für mich ein lebenswertes Darmstadt in einer lebenswerten Region Rhein-Main-Neckar. Diese Stadt wird aber nicht alleine von den hier lebenden Menschen geprägt. Ebenso muss sie auch eine Stadt sein, in der Unternehmen und Einrichtungen sich gerne ansiedeln und zu Hause sind.

Darmstädter Unternehmen wirtschaften nachhaltig – auch aufgrund der guten logistischen Anbindung und der Versorgung aus regenerativen Energien. Die Wertschöpfung der Zukunft ist kreativ, divers, innovativ und nachhaltig. Unsere wirtschaftlichen Entwicklungscluster der Gegenwart werden mit einem neuen Entwicklungscluster Nachhaltigkeit ergänzt und verbunden sein. Hier werden neue Unternehmen entstehen, die mit „green technology" erfolgreich sein werden. Darmstädter Unternehmen haben in ihren jeweiligen Märkten führende Positionen eingenommen, da sie wissensbasiert arbeiten, auf exzellente Fachleute zurückgreifen können und in einer optimalen Kooperation mit Stadt und Region unterstützt werden.

Darmstädter Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen sind an der Spitze in Forschung und Entwicklung bei „green technology" und „green cities". Historisches Beispiel ist die weltweit erste Fakultät für Elektrotechnik, gegründet 1883. Hier werden Forschung und Entwicklung für die effektive Erzeugung und Nutzung elektrischer Energie vorangetrieben. Zudem haben sich über 30 wissenschaftliche Institute, darunter bedeutende Fraunhofer- und Helmholtz-Standorte, das Öko-Institut und das Institut Wohnen und Umwelt mit ihren jeweiligen Kompetenzen in der Entwicklung der „green / intelligent city" engagiert und bilden das Netzwerk „green thinking".

Unabhängig von großen Konzernen wird Energie durch den Energieversorger HSE, der mehrheitlich in städtischer Hand ist, ohne Atomstrom, mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energien erzeugt. Die HSE Vertriebstochter ENTEGA ist einer der bedeutendsten Ökostrom-Lieferanten Deutschlands. Lange vor der Entscheidung des Bundestages zum Atomausstieg haben wir in Darmstadt die Blaupause für die Energiewende entwickelt.

Die Vorreiterrolle Darmstadts im „green planing" und „green building" ist in den Architekturstudiengängen erfahrbar, wird in den Planungsbüros konkretisiert und ist an den Gebäuden in der Stadt sichtbar. Auf dem Feld der „green logistics" ist Darmstadt eine der letzten Städte mit einem Güterbahnhof in unmittelbarer Nähe zu den Gewerbegebieten. Zusammen mit dem 20 Kilometer entfernten Container-Terminal am Rheinhafen Gernsheim haben wir über die Seehäfen Rotterdam und Antwerpen globale Gütertransport-Verbindungen. Für den Handel mit Osteuropa existiert über den Rhein-Main-Donau-Kanal eine Verbindung bis zum Schwarzen Meer.

„Wir in Darmstadt – wir für Darmstadt" – dieses Gefühl hat die Mehrheit der Menschen, die in Darmstadt leben, lernen und arbeiten, verinnerlicht. Denn die Stadt macht nicht alles, aber alle machen die Stadt! Frühzeitige Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern sowie weiteren institutionellen Akteuren bei wichtigen Projekten hat die Menschen in Darmstadt darin bestärkt, mit zu entscheiden und damit die Entwicklung der Stadt mit zu gestalten.

Nachhaltigkeit ist in Darmstadt seit langem zu Hause. Zahlreiche hier gegründete Initiativen, Aktivitäten und Institutionen zeigen, dass wir bereits auf einem guten Weg zur „green / intelligent city Darmstadt" sind. 1971 wurde das Institut für Wohnen und Umwelt gegründet, im Jahr 1980 folgte die Gründung der Öko-Institut-Niederlassung Darmstadt. Deutschlands erstes Passivhaus wurde 1991 in Darmstadt-Kranichstein bezogen und 1996 das Passivhaus-Institut ins Leben gerufen.
Im gleichen Jahr entstand hier Deutschlands erster Lehrstuhl für regenerative Energien. Das Agenda21-Büro der Wissenschaftsstadt Darmstadt öffnete 1998. Die HSE-Tochter NATURpur Energie AG ging 1999 an den Start. Im Jahr 2005 fuhr Deutschlands erste Ökostrom-Straßenbahn in Darmstadt. Das NATURpur Institut wurde im Frühjahr 2008 als gemeinnützige GmbH gegründet, deren Aufgabe die Förderung des Umwelt- und Klimaschutzes ist. Das NATURpur Institut unterstützt dazu ausgewählte Forschungsprojekte in den Bereichen Energieeffizienz und Erneuerbare Energien. Ab Anfang des Jahres 2008 verzichtete die HSE Vertriebstochter ENTEGA auf den Einkauf von Atomstrom. Seit 2010 beziehen wir den gesamten ÖPNV-Strombedarf aus klimaneutralem Ökostrom. Die Stadt stellt seitdem ein kostenfreies Solarpotenzialkataster im Internet zur Verfügung. Damit kann flächendeckend für jedes Gebäude die Eignung zur Solarenergiegewinnung dargestellt werden. Weitere Meilensteine liegen in der nahen Zukunft. Derzeit hat die HSE noch 14 Windparks, vier Solarparks, 128 Photovoltaikanlagen, vier Biogasanlagen und ein Biomasseheizkraftwerk mit einer Gesamtleistung von 288 MW in Bau oder Betrieb. Bis 2015 wird die HSE AG über eine Milliarde Euro in erneuerbare Energien investieren, um das erklärte Ziel von rund 450 MW Kraftwerksleistung zu erreichen. Wir können in Darmstadt auf vielen starken Fundamenten unsere „green / intelligent city" aufbauen und werden gemeinsam mit Bürgerschaft, Wirtschaft und Wissenschaft die Vision der „green / intelligent city Darmstadt" verwirklichen.