Dr. Gerd Landsberg

Geschäftsführendes Präsidialmitglied, Deutscher Städte- und Gemeindebund (DStGB)

Das Bestreben, „intelligente" Siedlungskonzepte zu entwickeln ist annähernd so alt wie die Idee der Menschen, das Nomadendasein aufzugeben und sesshaft zu werden. Bereits die Städte der sogenannten „Indus-Kultur" im dritten Jahrtausend vor Christus weisen Spuren von intelligenter Stadtplanung auf: Siedlungen wie Harappa im heutigen Pakistan sind streng geometrisch angeordnet, weisen eine hohe städtebauliche Qualität auf und verfügten zu ihrer aktiven Zeit bereits über eine Wasserversorgung und eine Kanalisation. Ihre durchdachte, intelligente Struktur hatte vor allem das Ziel, den Bedürfnissen der dort lebenden Menschen gerecht zu werden. Dies bedeutete, Raum zu bieten für die Entwicklung von Handel, Wissenschaft und Kunst. Auf diese Weise wurde eine zivilisatorische Weiterentwicklung möglich; die Nutzung des damals bekannten technischen Fortschritts ermöglichte gezielten Einsatz der Ressourcen Wohlstand sowie eine hohe Lebensqualität für die dort lebenden Menschen.

Rund 5000 Jahre später hat sich an diesen Grundprinzipien wenig geändert. Aber durch unsere global vernetzte Welt ist ein Wandel hinsichtlich der Herausforderungen, aber auch hinsichtlich der technischen Möglichkeiten aufgetreten: Klimawandel, begrenzte Ressourcen und der zunehmende Trend zur Urbanisierung stellen die Stadtplaner vor neue Schwierigkeiten, denen heute mit modernen Kommunikationstechnologien, innovativen Energiesystemen und nachhaltigen Mobilitätskonzepten begegnet werden kann. Intelligente Stadtentwicklung nutzt diese Optionen zur Entwicklung in einem ganzheitlichen Ansatz: Die Stadt von Morgen ist ökologisch, vernetzt und lebenswert.

Grundlage für die intelligente Stadt im 21. Jahrhundert ist die technische Vernetzung, der Einsatz von modernen Informations- und Kommunikationstechnologien. Leistungsstarke Internetanbindungen ermöglichen wichtige Dienstleistungen für Bürgerinnen und Bürger. Von ihrer Verfügbarkeit hängt der Aufbau eines intelligenten Energiesystems der Zukunft („Smart Grid") ebenso ab wie eine adäquate Gesundheitsversorgung in einer älter werdenden Gesellschaft. Sie ermöglichen eine flexiblere Gestaltung von Freizeit und Arbeit und können so zu einer deutlichen Steigerung der Lebensqualität der Menschen beitragen.

Zudem bringen Klimawandel und endliche fossile Energieträger wichtige Anforderungen an die intelligente „Stadt von Morgen" mit sich. In Deutschland wird die Notwendigkeit von ökologischer und nachhaltiger Stadtentwicklung durch die „Energiewende" noch einmal besonders forciert. Intelligente Stadtentwicklung bedeutet vor diesem Hintergrund:

- Der Bau von energieeffizienten Gebäuden und die energetische Sanierung von Bestandsbauten, um Ressourceneffizienz zu gewährleisten.

- Eine dezentrale Energieversorgung aus regenerativen Energieträgern oder durch Blockheizkraftwerke.

- Die Entwicklung nachhaltiger Mobilitätskonzepte. Dazu zählen der Einsatz von Elektromobilität, Car-Sharing-Konzepte und der Ausbau des ÖPNV sowie des Fahrradnetzes.

- Eine Siedlungsverdichtung im Innenbereich, um kurze Wege zur Arbeit, zum Einkaufen und zur Freizeitgestaltung zu ermöglichen.

- Der Aufbau eines intelligenten Energieversorgungssystems, mit dem Erzeuger, Verbraucher und Speicher vernetzt werden.

Auch im Hinblick auf die Lebensqualität bestehen an „intelligente" Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert besondere Anforderungen. Bürgerinnen und Bürger möchten sich in der Stadt, in der sie leben, wohlfühlen. Eine hohe Lebensqualität trägt dazu bei, dass sich die Menschen mit „ihrer" Stadt oder Gemeinde identifizieren und bereit sind, sich für ihr unmittelbares Lebensumfeld und das Gemeinwesen zu engagieren. Intelligente Stadtentwicklung impliziert daher auch folgende Faktoren:

- Gezielte Verfolgung eines „polyzentrischen" Ansatzes in der Stadtplanung, d.h. Entwicklung von Stadtquartieren, die alle Bereiche des täglichen Lebens in erreichbarer Nähe abdecken.

- Die Anlage und der Ausbau von „grünen Zonen", um den Bürgerinnen und Bürgern Gelegenheit zu Erholung, Sport und Freizeit in unmittelbarer Nähe zu bieten.

- Die Gewährleistung einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung, auch auf der Basis von modernen technischen Angeboten im Bereich der Telemedizin.

- Die Bereitstellung von hochwertigen Bildungs-, Weiterbildungs- und Freizeitangeboten.

Im Gegensatz zur Konzeption und Planung von Städten in vergangenen Zeiten kann die Entwicklung einer intelligenten Stadt in Deutschland und Europa heute nicht mehr auf dem „Reißbrett" erfolgen. Es gilt, bestehende Strukturen mit Blick auf die oben genannten Anforderungen Technologie, Ökologie und Lebensqualität weiterzuentwickeln und umzubauen. Dies stellt in Zeiten begrenzter finanzieller Ressourcen eine besondere Herausforderung dar. Von entscheidender Bedeutung erscheint es daher, ein integriertes Konzept zu entwickeln, wie bestehende Strukturen kurz-, mittel- und langfristig weiterentwickelt werden können.

Dabei spielt die Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger eine zentrale Rolle. Ihre Interessen, ihre Vorstellungen und ihre Anforderungen sollten in die Konzeption einer „Stadt von Morgen" Eingang finden. Zudem gilt es, ihre Kreativität, ihr Engagement und ihr Wissen konstruktiv zu nutzen. Intelligente Städte sind auf zwei tragenden Säulen errichtet: Die erste Säule bilden der Einsatz innovativer Technologien und eine intelligente Konzeption. Die andere tragende Säule stellen die kollektive Intelligenz und das Engagement der Bürgerinnen und Bürger dar. Sie sind es in erster Linie, die eine Stadt prägen und ihr einen individuellen, unverwechselbaren Charakter verleihen. Dies hat seine Gültigkeit nach 5000 Jahren nicht verloren und prägt auch die intelligente Stadt im 21. Jahrhundert.